Saalbau zum Schiff

    Vom Saalbau „Zum Schiff“ zur Kulturhalle 


    Nach 75 Jahren fiel am 31. Mai 2002 im Saalbau „Zum Schiff“ endgültig der Vorhang auf der Bühne. Der weithin bekannte Bau ist Legende geworden. Viele Jahrzehnte lief dort das kulturelle gesellschaftliche Leben der Gemeinde ab. In den „goldenen 20er Jahren“ entstanden in vielen Gemeinden im südlichen Rheinhessen zahlreiche größere Säle, um den Vereinen zur Entwicklung mehr Platz zu bieten. Ein typischer Zeitzeuge ist in Nackenheim der 1927 fertiggestellte Saalbau „Zum Schiff“. 

    Stolz waren die Nackenheimer auf das große Odeon, direkt am Rhein gelegen. Eberhard Heerdt sen. hatte nach der Inflation 1923 den Plan gefasst, einen großen Tanzsaal mit Bühne zu bauen. In dieser Zeit zählte Nackenheim rund 1 800 Einwohner. Mit der Fertigstellung des Gebäudes 1927 blühte das Vereinsleben im Dorf weiter auf. Die große Bühne ermöglichte auch die Aufführung von Theaterstücken, Operetten und Märchen. Die Chöre profitierten von der exzellenten Akustik. Der Carneval-Verein „Entenbrüder 1900“ entwickelte sich prächtig. Auf Plakaten priesen die Karnevalisten den Saal als „Rheinlandhalle“ an. Einige Vereine hatten das Gasthaus „Zum Schiff“ auch zum Vereinslokal gemacht. 
    In den Glanzzeiten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges veranstalteten die Vereine und Clubs in der närrischen Kampagne bis zu zehn Maskenbälle. Heute schmunzelt der Leser dieser Chronik, wenn daran erinnert wird, dass 1948 kurz vor der Währungsreform zum Eintritt ein Brikett mitzubringen war. Damals heizten zwei große Kohleöfen den Saal. Auch die Flasche Wein, die auf dem Schwarzmarkt „geschrottelt“ wurde, zählte mit zum Entree. 


     
    1962 übernahm Eberhard Heerdt jun. den Betrieb. In der Küche wirkte seine Schwester Marliese Wetzel. Beide führten die Gastronomie bis 1985. Danach wurde das Anwesen von der Gemeinde angemietet und weiter verpachtet. Der Vertrag mit der Gemeinde lief am 31. Mai 2002 aus. Viele Überlegungen kamen, um das kulturelle Leben fortzuführen. Bereits 1999 befasste sich der Gemeinderat mit den Fragen, Ankauf des Saalbaues „Zum Schiff“ mit umfangreicher Renovierung sowie Neubau der Küche und Gaststätte; Vergrößerung der Sporthalle des SV „Alemannia 1912“ mit einem Einkaufsmarkt im Untergeschoss oder ein Neubau in der Hohl hinter der St. Gereonskirche. In zahlreichen Sitzungen unter Einbindung der Vereine und Verbände wurde ein Neubau an der Lörzweiler Straße favorisiert. Der Gemeinderat beauftragte in der Sitzung am 20. Juni 2000 das Ingenieurbüro Weiland, einen Bebauungsplan für eine neue Kulturhalle zu erarbeiten. 

    Nackenheimer Kulturgeschichte mit geschrieben

     Viele tausend Menschen haben in den 75 Jahren im Saalbau „Zum Schiff“ gefeiert sowie Konzerte und Theateraufführungen erlebt. Zu den großen Ereignissen zählten 1964 die Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde mit der französischen Gemeinde Pommard in Burgund und 1952 die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an den Weltliteraten Carl Zuckmayer sowie den Chemiker Prof. Dr. Matthias Pier. 
    Große Konzerte boten der Männergesangverein 1857, der Gesangverein „Cäcilia 1882“ sowie der Männergesangverein „Frohsinn 1904“. Der Gesangverein Cäcilia glänzte in den 60iger Jahren mit Operettenaufführungen wie die „Blume von Hawaii“ oder „Im weißen Rössel am Wolfgangsee“. Über drei Jahrzehnte führte dieser Verein im „Schiff“ auch Märchen auf. Nicht zu vergessen die Seniorennachmittage des MGV „Frohsinn 1904“, die gemeinsam mit der Gemeinde mehr als 30 Jahre dort stattfanden. Viele Jahre hatte auch die SPD-Frauengruppe die älteren Mitbürger zur gemütlichen Weihnachtsfeier eingeladen. Nicht zu vergessen, die alljährlichen Adventsveranstaltungen der Vereine. 
    Viele Bürger erinnern sich noch an die Bürgerversammlungen im Jahre 1988, in denen über die Planungen zur Errichtung eines großen Technik- und Freizeitparks im Unterfeld berichtet wurde. In diesen wurde die Kritik an dem Projekt „Biebers High-Tech for Europe“ deutlich artikuliert. 
    Auch sportlich wurde der Saalbau genutzt. Nach dem zweiten Weltkrieg trugen die Ringer des SV „Alemannia 1912“ ihre Verbandskämpfe dort aus. 
    Etwa um 1970 begannen die Disco-Zeiten. Die Jugend kehrte immer mehr den Maskenbällen sowie Tanzveranstaltungen im Saalbau „Zum Schiff“ den Rücken. Das Maskentreiben reduzierte sich von Jahr zu Jahr. Die traditionellen Maskenbälle gehören derzeit in Nackenheim der Vergangenheit an. Beim Carneval-Verein sind jetzt die Fastnachts-Partys in Mode gekommen. Hinzu kamen im „Schiff“ in den letzten Jahren fünf ausverkaufte Fastnachtssitzungen. 
    Noch lange werden sich Bürger an die Veranstaltungen im Saalbau „Zum Schiff“ erinnern. Keine Frage, das Haus hat 75 Jahre Nackenheimer Geschichte mit geschrieben.