Zuckmayer Winzer Nackenheim Foto:privat

    Carl-Zuckmayer und die Nackenheimer

    Am 27. Dezember 1896, es war ein sehr kalter Wintertag, wurde Carl Zuckmayer in Nackenheim geboren. Sein Vater besaß hier eine Fabrik für Flaschenkapseln, die es heute noch gibt. Obwohl die Familie vier Jahre später nach Mainz verzog, hatte Carl Zuckmayer zeit seines Lebens eine besondere Beziehung zu seiner Geburtsgemeinde.

    Der rheinhessische Wein, insbesondere der Nackenheimer, ist einer der Gründe für diese Beziehung. Carl Zuckmayer war ein Weinkenner und Weingenießer. So schrieb er einmal in den Jahren als er von der Hand in den Mund leben musste in einem Berliner Restaurant auf den Rand der Weinkarte: "Karte mit Verstand gelesen, ist so gut wie voll gewesen." Seine Zuwendung zum Wein der Heimat wird auch in seinem Gedicht "Weinblume" deutlich, das beginnt mit: "Viel reicher als der Rosen Elixier, viel voller als die Wolke aus Importen, viel heilger als Weihrauch duftet mir, die Blume Wein von edlen Heimatsorten." Gleichfalls findet sich darin der Ausruf: "Rheinhessen: tönende Hügel, fröhliches Nackenheim!"1

    Die Beziehung zu den Menschen seiner Heimat war dagegen jahrzehntelang gestört. Den Durchbruch als Bühnenautor schaffte Carl Zuckmayer am 22. Dezember 1925 als sein Werk "Der fröhliche Weinberg" im Berliner Theater am Schiffbauerdamm zum erstenmal aufgeführt wurde. Während die Theaterkritik begeistert das Ende des Expressionismus feierte, gab es auch Proteste. Korpsstudenten fühlten sich in ihrer Würde verletzt, soldatische und nationale Kreise wähnten sich angegriffen.

    Auch die Nackenheimer protestierten. Besonders betroffen war der honorige alte Weingutsbesitzer Carl Gunderloch, dessen einprägsamer Name in diesem Lustspiel verwendet worden war. Zuckmayer schreibt in seinen Erinnerungen dazu: "Ich selbst glaubte in meinem erfundenen Gunderloch einen Mann hingestellt zu haben, über dessen Namensvetternschaft sich kein Deutscher kränken könne. Aber der alte Herr, dem man von allen Seiten zutrug, dass er in einem 'schweinischen Stück' vorkomme, und der tatsächlich glaubte, er sei 'gemeint', kränkte sich. Er regte sich so sehr darüber auf, dass er gesundheitlichen Schaden nahm. Mir war das, als ich es erfuhr, ehrlich leid, nie hatte ich derartiges vermutet, aber ich konnte es nun auch nicht ändern. Ich musste den Zorn und die Empörung meiner Heimat auf mich nehmen."2

    Jedenfalls erlebte Mainz bei der Aufführung des Fröhlichen Weinbergs am 10. März 1926 eine machtvolle Demonstration mit Dreschflegeln, Mistgabeln und dem größten Polizeieinsatz seit dem Besuch des Zaren. Trotz der Sicherheitsmaßnahmen gelang es den protestierenden Nackenheimern mehrere Stinkbomben im Zuschauerraum des Theaters zu werfen. Es ging ihnen dabei nicht um die Beschmutzung nationaler Ehre und studentischer Tugend. Nein, die Darstellung ihrer Gemeinde und ihrer ländlichen Umgebung in der Form von derben Gestalten, die unmoralisches im Schilde führten, das gefiel den meisten Nackenheimern nicht. Hinzu kam, dass sich auch die Nackenheimer in den Zwanziger Jahren modern gebährden wollten. Die Darstellung von Misthaufen und fehlenden Toilettenanlagen wurde deshalb empört zurückgewiesen. Die Kritik gipfelte in der Formulierung eines Spruchbandes "Carlche komm nach Nackenheim, Du sollst uns hoch willkommen sein! Wir schlagen krumm und lahm dich all und sperrn Dich in de Schweinestall, denn da gehörste hi'!"3

    Eine Wende in den Beziehungen gab es erste einige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Vorhergegangen war der weitere Aufstieg des Dichters, das Aufführungsverbot im Dritten Reich und seine Emigration. Nackenheim ernannte 1952 Carl Zuckmayer zum Ehrenbürger. Zuckmayer war seit langem zum erstenmal wieder in seinem Geburtsort. Der Urenkel des Weingutsbesitzers Gunderloch reichte ihm die Hand zur Versöhnung. Während es für manche ein bewegendes Wiedersehen war, gab es bei anderen weiterhin Distanz. So äußerte ein alter Mann, der früher Prokurist in der Zuckmayerschen Kapselfabrik war, sein Desinteresse an einer Begegnung mit dem Carlche und fügte hinzu: "Dem habe ich oft genug den Hinnern versohlt." Als Zuckmayer jedoch die Straße entlang kam und ihn oben im ersten Stock am Fenster erblickte, sprach er ihn mit seinem Namen an. Da schmolz das Eis und die Rührung übermannte den bisherigen Kritiker.4 So traf Zuckmayers Formulierung "Die Welt wird nie gut, aber sie könnte besser werden" auf diese Entwicklung zu.

    Zwanzig Jahre später wurde die Grundschule in Nackenheim nach Zuckmayer benannt. Die offizielle Namensgebung erfolgte in Anwesenheit des Ehepaares Zuckmayer. In den sechziger und siebziger Jahren kam es zu einer Vielzahl von Begegnungen Nackenheimer Bürger mit dem großen Sohn ihrer Gemeinde. Zuletzt war dies an seinem 80. Geburtstag. Kurz danach erkrankte Carl Zuckmayer und starb am 18. Januar.1977. Auf seinem Grab in Saas Fee in der Schweiz liegt auch ein Stein vom Nackenheimer Rotenberg.

    Ein Denkmal setzten die Nackenheimer ihrem Ehrenbürger wenige Jahre später. Eine Büste Carl Zuckmayers, ein gegenständliches Werk der später international anerkannten Künstlerin Ursula Bertram, fand ihren Platz an der Fassade des Rathauses. Finanziert wurde das Kunstwerk im wesentlichen aus Erlösen, die die Junge Union aus dem Weinverkauf beim Nackenheimer Weinfest erwirtschaftet hatte. Die feierliche Enthüllung erfolgte in Anwesenheiter seiner Witwe, Alice Herdan-Zuckmayer und war verbunden mit einer Aufführung des Fröhlichen Weinbergs durch das Ensemble der Carl-Zuckmayer-Gesellschaft. Ein lebendiges Denkmal sind diese jährlichen Aufführungen, die im Jubiläumsjahr stilgerecht und beziehungsvoll im Garten des Weingutes Gunderloch stattfinden.

    Autor: Bardo Kraus
    Veröffentlicht im Heimatjahrbuch 1996 des Landkreises Mainz-Bingen, Verlag Dr. Gebhardt+Hilden GmbH, Hohlstraße 14-18, 557343 Idar-Oberstein

    Quellenangaben:
    1 Carl Zuckmayer, Gedichte, Frankfurt a. M., Fischer Taschenbuch Verlag, 1976, S. 16
    (Aus der Gedichtsammlung "Der Baum", Erste Buchausgabe: Berlin, Propyläen Verlag 1926)
    2 Carl Zuckmayer, "Als wär's ein Stück von mir", Frankfurt a.M., S. Fischer, 1966, S. 468
    3 Carl Zuckmayer, a.a.O., S. 469
    4 Berichtet von Ottmar Jung, Chronist Nackenheimer Begebenheiten